Antriebslosigkeit, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme, Schlafstörungen oder eine gedrückte Stimmung werden häufig zunächst als psychisches Problem wahrgenommen. Das ist nachvollziehbar. Dennoch können ähnliche Beschwerden auch im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen, Medikamenten oder bestimmten Mangelzuständen auftreten.
Deshalb finde ich es wichtig, psychische und körperliche Gesundheit nicht künstlich voneinander zu trennen.
Depressive Symptome haben nicht immer ausschließlich psychische Ursachen
Eine Depression entsteht in der Regel durch das Zusammenspiel verschiedener biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren. Gleichzeitig können bestimmte körperliche Erkrankungen depressive Beschwerden verursachen oder verstärken.
Die Nationale VersorgungsLeitlinie zur unipolaren Depression weist ausdrücklich darauf hin, dass depressive Störungen unter anderem im Zusammenhang mit Schilddrüsenerkrankungen, anderen hormonellen Erkrankungen, neurologischen Erkrankungen und bestimmten Autoimmunerkrankungen auftreten können. Bei entsprechenden Hinweisen soll deshalb geprüft werden, ob eine weiterführende medizinische Diagnostik sinnvoll ist (Bundesärztekammer et al., 2022, S. 36-37).
Ein bekanntes Beispiel ist die Schilddrüse. Sowohl eine Unter- als auch eine Überfunktion kann mit Veränderungen der Stimmung, des Antriebs und der psychischen Belastbarkeit einhergehen. Die britische NICE-Leitlinie empfiehlt deshalb ausdrücklich, bei Erwachsenen mit Depression oder ungeklärten Angstsymptomen eine Untersuchung der Schilddrüsenfunktion in Betracht zu ziehen (NICE, 2019).
Auch Mangelzustände können eine Rolle spielen
Bestimmte Nährstoffmängel können Beschwerden hervorrufen, die einer Depression ähneln oder bestehende psychische Beschwerden verstärken können.
Bei einem Vitamin-B12-Mangel können beispielsweise Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, neurologische Beschwerden und psychische Symptome auftreten. Die aktuelle NICE-Leitlinie nennt ausdrücklich depressive und ängstliche Symptome als mögliche Begleiterscheinungen eines Vitamin-B12-Mangels (NICE, 2024).
Auch ein Eisenmangel beziehungsweise eine Anämie kann mit ausgeprägter Müdigkeit, verminderter Belastbarkeit und Konzentrationsproblemen verbunden sein. Gerade diese Beschwerden überschneiden sich teilweise mit Symptomen, die auch bei einer Depression auftreten können.
Beim Vitamin D ist die wissenschaftliche Situation differenzierter. Niedrige Vitamin-D-Spiegel werden in vielen Studien häufiger bei Menschen mit depressiven Symptomen gefunden. Neuere systematische Reviews bestätigen diesen Zusammenhang, zeigen aber zugleich, dass daraus nicht automatisch geschlossen werden kann, dass ein niedriger Vitamin-D-Wert die Depression verursacht. Auch die Frage, welche Menschen tatsächlich von einer Supplementierung profitieren, ist noch nicht abschließend geklärt (Ghaemi et al., 2024, S. 3999-4008). Neuere Analysen weisen zwar auf mögliche positive Effekte einer Vitamin-D-Supplementierung bei depressiven Beschwerden hin, die Ergebnisse zwischen den Studien unterscheiden sich jedoch erheblich.
Deshalb kann eine ärztliche Abklärung sinnvoll sein
Wenn depressive Beschwerden neu auftreten, ungewöhnlich stark sind, sich ohne nachvollziehbaren Anlass entwickeln oder von deutlichen körperlichen Veränderungen begleitet werden, halte ich eine ärztliche Abklärung für sinnvoll.
Je nach Beschwerden, Vorerkrankungen und persönlichem Risikoprofil kann eine Ärztin oder ein Arzt beispielsweise prüfen, ob Untersuchungen des Blutbildes, der Schilddrüsenwerte oder gegebenenfalls des Eisen-, Vitamin-B12-, Folat- oder Vitamin-D-Status angezeigt sind.
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass bei jeder psychischen Belastung wahllos sämtliche Blutwerte bestimmt werden sollten. Die Nationale VersorgungsLeitlinie warnt auch vor unnötiger Überdiagnostik. Welche Untersuchungen sinnvoll sind, sollte individuell anhand der Beschwerden und der medizinischen Vorgeschichte entschieden werden (Bundesärztekammer et al., 2022, S. 36-37).
Auch Medikamente gehören zur Betrachtung dazu
Neben Erkrankungen und Mangelzuständen können auch Medikamente Einfluss auf die Stimmung haben. Die Nationale VersorgungsLeitlinie empfiehlt deshalb, bei depressiven Symptomen auch die aktuelle Medikation und andere Substanzen sorgfältig zu berücksichtigen. Als Beispiele nennt sie unter anderem bestimmte Kortikosteroide, Blutdruckmedikamente und Interferon-alpha (Bundesärztekammer et al., 2022, S. 37).
Medikamente sollten deshalb niemals eigenständig abgesetzt werden. Wenn zeitlich nach Beginn oder Veränderung einer Medikation auffällige psychische Beschwerden auftreten, sollte dies mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt besprochen werden.
Körper und Psyche gehören zusammen
Eine medizinische Ursache auszuschließen bedeutet nicht, psychische Beschwerden weniger ernst zu nehmen. Genauso wenig bedeutet eine unauffällige Blutuntersuchung, dass die Beschwerden „nur psychisch“ seien.
Eine gute Betrachtung psychischer Gesundheit berücksichtigt beide Seiten. Körperliche Erkrankungen, Schlaf, Medikamente, Ernährung und biologische Faktoren können ebenso bedeutsam sein wie Beziehungen, belastende Erfahrungen, Stress, Lebensbedingungen und individuelle psychische Muster.
Gerade deshalb kann es sinnvoll sein, bei neu auftretenden oder anhaltenden depressiven Beschwerden sowohl psychologisch als auch medizinisch hinzuschauen.
Literaturverzeichnis
Bundesärztekammer, Kassenärztliche Bundesvereinigung, & Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. (2022). Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression - Langfassung, Version 3.0 (S. 36-37). Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin.
Ghaemi, S., Zeraattalab-Motlagh, S., Jayedi, A., & Shab-Bidar, S. (2024). The effect of vitamin D supplementation on depression: A systematic review and dose-response meta-analysis of randomized controlled trials. Psychological Medicine, 54(15), 3999-4008. https://doi.org/10.1017/S0033291724001697
National Institute for Health and Care Excellence. (2019). Thyroid disease: Assessment and management (NG145). NICE.
National Institute for Health and Care Excellence. (2024). Vitamin B12 deficiency in over 16s: Diagnosis and management (NG239). NICE.

